Calomito "Cane di schiena" (AltrOck, VÖ 02/2011)

Fünf Jahre nach "Inaudito" veröffentlichen die Italiener Calomito ein neues Album, und AltrOck passt wie die Faust aufs Auge. Der instrumentale Sound im Spannungsfeld zwischen Avant-Prog, Jazzrock, Canterbury, Folk und Jazz ist schöngeistig und leichtfüßig, hochkomplex und von großer innerer Spannung. Auf exzellenter Rhythmusbasis - und Nicola Magri (dr) sowie Tommaso Rolando (b, synth, samples) halten sich längst nicht nur im Basislager auf, sondern wuchern im Bandinterplay wie alle Beteiligten - die herzhaft kraftvoll und differenziert, erstklassig gespielt und trotz kniffliger mathematischer Bruchrechnungen groovedrahtig - der (Jazz-)Drummer ist ein heiliger Techniker, das innere Auge sieht, wie er die Schlagzeugstöcke hält und damit arbeitet, intuitiv in das Spiel versunken - abgeht, sitzen Filippo Cantarella (vi), Cosimo Francavilla (ss), Nando Magni (pos) und Marco Ravera (g) und machen den melodisch-harmonischen Raum weit und farbenfroh. Lebhaftes Bandinterplay lässt die Zügel fahren, rasante Partien strömen durch alle Kanäle, wohin die Reise auch geht, die ganze Mannschaft zieht mit und macht die Songs wundersam reich und vielschichtig. Dazwischen sitzen Soli der diversen Beteiligten, während derer die Band die Regler etwas runterfährt und dem Freak am Bühnenrand alles Licht gibt. Soli sind nie besonders lang, Calomito haben den Hang zum ausgedehnten Bandinterplay, sie steigen ins bunte Treiben und lassen die Emotionen schießen, das es in allem hohen Anspruch gar fröhlich und lebensfroh zugeht; sie gehen allesamt in die Lyrik versunkener Melancholien, in denen dunkle Farbenspiele ihr erregtes Spiel treiben und wuseln in freakigem Avantgarde-Noise-Psychedelic-Jazz.
9 Songs sind auf der CD, und die funktioniert am besten am Stück von Anfang bis Ende, nicht zu leise, eher laut, dann setzen sie warmen Basstöne und die vertrackten Soli die schärfsten Konturen, wird der harmonische Raum greifbar und lebendig. Die Einspielung ist kraftvoll aufgenommen, der Sound klar und transparent, hat gutes Körpervolumen und satte hohe wie knackhart tiefe Klänge. Kein Song sticht besonders hervor, alle sind gleichermaßen wohl durchdacht und arrangiert, die Musiker haben weiten Raum, sich auszutoben. Längen sind nicht auszumachen. Wenn die historischen Canterbury-Bands gewiss jazzrockiger waren oder einen Tick intensiver, so ist "Cane di schiena" in seiner tiefgehenden Lyrik und komplexen Klangsprache dennoch ebenso ein grandioses Meisterwerk. Außenstehende werden den komplexen Vulkan gewiss als undifferenzierbaren Klangbrei abtun, aber das ist in dieser Szene wohl immer so und eher ein geheimes (und positives) Markenzeichen als Makel.
Tipp!

calomito.com
altrock.it
VM



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