CALEXICO, am 22.10.08 im Alten Schlachthof Dresden

Raus aus dem Badewasser

Wenn die Herren der Wüste - zum wievielten Mal eigentlich? - die Stadt mal wieder mit ihrer Anwesenheit und ihrem staubig-schönen Liedgut beehren, ist das natürlich ein Pflichttermin. Da trifft man dann Bekannte und Verwandte, die man seit Jahren nicht getroffen hat und natürlich auch genügend Menschen, die man noch gar nicht kennt. Zum Beispiel das reizende Mädchen, dass nach einem feuchtkalten Weinlesetag die Stunde vor Konzertbeginn mit Calexico in der Badewanne verbracht hat. Natürlich war die Band dort nur akustisch anwesend und da das Ticket schon gekauft war, ist sie jetzt trotz eines gewissen Erschöpfungszustandes doch hier. Wo Burns, Convertino und Konsorten auch visuell präsent sind, wovon sie allerdings aufgrund geringer Körpergröße und ihres Standortes in der ungefähr 35. Reihe nicht viel hat. Da wünscht sie sich zurück ins Badewasser und der Rezensent sich gleich mit, denn was hier schauderhaft abgemischt aus den Boxen plätschert, ließe sich auch gut in der Horizontalen genießen. Gut, dass es wenigstens den riesigen Videoscreen gibt, über den putzige Käuzchen, Flugzeugfriedhöfe und mexikanische Vanitasfigürchen flimmern, da hat man was zu gucken, wenn man schon von den Musikanten nicht viel sieht. Was vorne sonst noch abläuft, ist bestenfalls zu erahnen, zu hören jedenfalls ist vom Xylophon nichts und vom Bass nur wenig.
Angesichts dieser Misslichkeiten bleibt also genügend Muße, darüber nachzusinnen, warum Calexico-Konzerte nicht mehr die Emotionsorgien sind, die sie mal waren. Liegt es am mittlerweile auch schon fortgeschritteneren Alter der treuen Fans, an der generellen emotionalen Sparsamkeit des Dresdner Publikums oder einfach doch nur am Saal und am Sound? Schwer zu sagen.
Während solcherlei Gedanken durchs Hirn schwappen, kommt er dann doch, der magische Moment, der einen aus der gedanklichen Badewanne aufschrecken lässt: Wenn bei "Victor Jara's Hands" plötzlich wie aus dem Nichts tausende Hände ohne Vorwarnung einen Takt mitklatschen, der um einiges anspruchsvoller ist, als die übliche 4/4-Takt-Seligkeit, freut man sich, dass man hier ist und nicht im Badewasser. Und wenn dann am Ende die sechs Herren auf der Bühne als Zugabe eine sehr spezielle Version von "Crystal Frontier" zelebrieren, weiß man auch wieder, warum man Calexico eben doch liebt und wahrscheinlich immer lieben wird!

André Hennig
Fotos: Stefan Bast



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