John Wolf Brennan / Peggy Lee / Dylan van der Schyff "Zero Heroes" (Leo Records 2003)

Geradezu magisch beginnt das Album mit der Gemeinschaftskomposition "Eastern Front". Die düstere Elegie streicht wie ein nächtlicher Alp vorbei, frisst sich in das Denken ein, füllt das Empfinden aus. Alle drei Musiker, John Wolf Brennan am Piano, dem ‚prepared' Piano, der Melodica, Peggy Lee am Violoncello und Dylan van der Schyff an Schlagzeug und Perkussion, verstehen in diesem Stück ihre Instrumente als Streichinstrumente. John Wolf Brennan zieht über die Saiten des Pianos, bringt sie durch Zerrung und Dehnung zum Klingen, Dylan van der Schyff streicht mit der dickeren Unterseite des Sticks über die Schlagzeugbecken und Peggy Lee, ihr Instrument in diesem Verbund noch am konventionellsten bedienend, fährt mit dem Strich über die Saiten, ihnen jedoch nicht klare, sondern schnarrende, kratzige, ungewöhnliche Töne entlockend. Der Gemeinklang, im inspirierten, dem ‚Kompositionsklima' bar ausgelieferten und in seinem Spiel aufgehenden Trio macht die Note ungemein berauschend und lebhaft. Wie nur, mag man denken, komponiert sich so ein Stück?!? Bis zur letzten Sekunde rollt sich der Alptraum genüsslich aus und verklinkt schließlich zart.
Dunkle Töne bleiben im Raum. Die meisten Songs sind melancholische Balladen, von erheblicher Düsternis, abgründiger, volumiger Tiefe und pulsierend sattem Klang. "Anyway - Was There Ever Nothing?" entwickelt seine 9 Minuten lyrisch zart und doch drahtig und kraftvoll, energisch und von grauer Horror-Stimmung durchzogen. Da können lichte und melodisch liebliche Partien aufgehen, ohne doch den Grundtenor, der da beständig unter dem dünnen Boden hinaufgähnt, aufzulösen.
Das Trio spielt sich frei. Das Gros der Songs hat stark improvisativen Charakter, ohne jedoch ganz improvisiert zu wirken. Immer wieder gibt es so markante und melodisch ‚bewusste' Motive und Arrangements, dass es scheint, das Trio habe sich Eckpunkte gesetzt, komponiert, von denen es in die freie Wildbahn aufbricht, mit inspiriertem Gespür Klangflächen aufzumachen, die ungeahnt sind, den Spielern selbst, die im Spiel entdecken, wie sich der Klang entwickelt und das Klima der Improvisationen und Kompositionen intuitiv bauen.
Wieder einmal kann bei diesem, einem John Wolf Brennan Album, nicht gesagt werden, wie die Musik zu verstehen sei. Ist es Jazz? Neue Musik? Freie Improvisation? Es hat von allem etwas, und ist doch mehr. "Zero Heroes" ist kein Free Jazz, es hat so wenig Jazz an sich, klassischen Jazz, dass es eher Neue Musik ist. Dazu mag es jedoch zu improvisativ sein, zu wenig komponiert, zu frei, oder unbestimmt (obschon es nicht und gar nicht unbestimmt ist, aber in seiner Kompositionssprache keinem herkömmlichen Schema gehorcht und neue Wege auftut) - Neuer Jazz? Sicher. Der abstrakte, avantgardistische Klang geht im Trio auf, auch in den beiden Duo-Stücken (p, ce) und in Brennans zwei Solo-Kompositionen, von denen mir besonders das radikale "Be Flat" gefällt, weil es unsagbar energisch und lebhaft ist, dabei schwer düster und radikal, und stets melodisch und nachvollziehbar bleibt.
Herkömmlich ist an "Zero Heroes" nichts. Das Trio beschreitet avantgardistische Pfade und scheut vor atonalen und radikal freien Flächen nicht zurück. Im Gegenteil, die lebhaft inspirierten Musiker machen einen Klangraum auf, der in der Fülle der 58 Minuten seine grandiose Kunstsprache voll entwickelt.

brennan.ch
leorecords.com
VM



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