David Borgo "reverence for uncertainty" (Circumvention Music 2004)

"reverenge for uncertainty" sammelt spannende Improvisationen des Saxophonisten David Borgo, der mit anderen Musikern des losen Trummerflora Collectives faszinierende kreative improvisative Musik spielt. Die 13 Tracks (72 Minuten) sind Ausdruck großer Phantasie und Spielkunst, Interplay und spontaner Komposition. Die Väter dieser Schule schrieen sich mit ihren Instrumenten an, rasierten den Horizont mit der Orgie ausdrucksstarken Lärms. Free Jazz hat sich im Ansatz in diese kontemplativen Töne vererbt. Doch ist es dort niemals zu der Intimität und Stille gekommen, wie hier bei David Borgo.
Die Instrumente antworten einander, singen und sprechen gemeinsam, gehen aufeinander ein und hören sich zu. Still und stiller, entrückter und intimer wird die Atmosphäre. Ein wunderbarer Klangraum tut sich auf, gefüllt von sparsamen Saxophonen, hin und wieder von Flöte, Posaune, Piano, Bass und Schlagzeug begleitet. Dann passiert es, dass alle gemeinsam forsch und frohgemut spielen, um nur wieder die lästige Struktur zu verlassen und zu diesem hinreißenden Spiel zu finden, wo sie sich gegenseitig Töne wie Bälle zuwerfen und zu einer fast schon zufälligen Musik finden, die trotz der abstrakten Töne und disharmonischen Aufbauten eine gemeinsame Sprache sprechen, die tiefe Harmonie und Lyrik hat.
Fast scheint es, als nähmen die Instrumente Charaktere an. Zerstrittene alte Weiber, angebende junge Männer, flinke Eichhörnchen oder in der Luft "stehende" Kolibris. 2 Saxophone entwerfen, zart erst und zurückgenommen, dann aber immer stärker und aufgebauschter, einen Angeberwortschwall sich gegenseitig zu übertrumpfen suchender Männer.
Über einem schweren Bass fließen Klarinette, Flöte und Posaunen melancholisch auseinander, brechen einen melodischen und schwer abstrakten Raum auf, der sich bald als überraschend harmonisch entpuppt. Besonders spannend sind die Duos mit Gustavo Aguilar, der auf allerlei perkussives Instrumentarium schlägt, darauf herum kratzt, es über den Boden schleift und damit einen Ameisenhaufen verschiedenartiger rhythmischer Töne erzeugt. David Borgo ist so fasziniert davon, dass er sein Instrument nur spartanisch einbringt, was so nah und berückend klingt, dass es einen Schauer über den Rücken jagt!
Schönstes Stück ist "Conversations with the Not-Self". David Borgo spielt Chalumeau. Grüne Berge tun sich vor dem inneren Auge auf, weite Landschaften und dunkle Wälder, wie ein irisches Stück Folklore. Die Ballade "Miko" ist etwas zu pompös und pathetisch, zerstreut sich aber in Improvisation und findet so zu weniger lyrischem Schönklang, der wegen seiner konventionellen Struktur wenig zu den anderen Songs passt.
Die Musik ist zumeist eher leise als laut, die abstrakten Harmonien nie harsch oder ohrenbetäubend, so dass sich hoffentlich ein großes Publikum für dieses ausgezeichnete Werk finden wird. Meine Empfehlung dazu.

circumventionmusic.com
VM



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