Björk "Medulla" (Wellhart Ltd./One Little Indian Ltd. 2004)

Björk ist eine unvergleichliche Chanteuse, ihre Stimme eine Sensation. Ihre Songs haben Charakter, keine der sonstigen Popstimmen traut sich zu so viel Eigenwilligkeit. Die Dame ist nicht nur ein Kunstwesen, das seine Selbstinszenierung ausgezeichnet zu vermarkten weiß. Sie ist von großem Selbstbewusstsein, natürlicher Eigenart und lebendiger, künstlerischer Inspiration.
Waren ihre ersten Alben noch voll im Dance/Techno-Trend, so sind im Laufe der Alben und Jahre immer mehr andere Einflüsse in die Musik der Dame mit der begnadeten Stimme und Intonation gekommen. Das hat zu einem heute schon reichen Backkatalog beigetragen, von dem vor allem die ganz frühen Sachen vor ihrer solistischen Arbeit von großem Interesse sind - Björk sang schon als 13jährige und hat einigen isländischen Punk-Alben zu abstrakter Musiksprache verholfen.
"Medulla" ist außergewöhnlich. Der instrumentale Raum ist fast völlig weggeschrumpft, durch viele Stimmen, Chöre und wenige Beats und Sounds ersetzt. Björk ist wie Miles Davis von der menschlichen Stimme, von Gesang begeistert, wie einfach dieser auch sei. Die Songs, von One bis Fourteen betitelt, werden nicht so leicht ins Radio zu bringen sein. Björk goes Avantgarde, und wie.
Als Gäste hat sie Mike Patton (Faith No More, Mr. Bungle, Fantomas, usw.), Robert Wyatt (einst Soft Machine, Matching Mole, etc.), Tagaq, The London Choir und The Islandic Choir geladen und alle sind gekommen. Mit den Chören im Hintergrund ist die Musik fast schon symphonisch, von einer Dichte und Tiefe, die Gänsehaut macht. Das ist grandiose Kunst mit einer unglaublichen Wärme und Hingabe, die erleben zu dürfen eine Gnade ist. Wahrscheinlich wird das Mainstream-Publikum Björk nun misstrauisch beobachten, weil diese Musik, so einfach sie ist, nicht eingängig und somit schwerer zu begreifen ist. Mike Patton gibt den Rhythmisator, fügt grausam böse Geräusche hinzu und unterlegt Björks Stimme düster. Robert Wyatt ist eher der Harmonisator. Er gibt seine eigenartigen Gesänge vielfach gesampelt in den Klangraum, dass gar die Stimme von Björk in dieser Fülle eingeht und herausgehört werden will. Vielleicht sind Song One und Fourteen, das eröffnende und das abschließende Stück, jedes vom anderen sehr unterschiedlich, die noch am leichtesten nachvollziehbaren Tracks. Beide haben einen, wenn auch für die Popwelt eigenartigen, aber doch vereinfachenden Rhythmus. Andere, ja die meisten Stücke, wie Eleven zum Beispiel, sind pure, grandiose Avantgarde. Wer Björk als Dance-Diva versteht, dürfte zumindest verwundert über diese neuartigen Töne und Klänge sein. Da wird es wohl zu einem radikalen Publikumswechsel kommen. Willkommen in der radikalen Musik, Björk - und viel Erfolg!

bjork.com
VM



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