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Baggerboot "Baggerboot" (Henceforth Records, VÖ: 09/2005)
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Wuppertal hat keinen einzigen Second Hand Schallplatten Laden. Dennoch kann man sich, wie Baggerboot eindrücklich zeigt, in dem Bündel an Ortschaften musikalisch inspirieren lassen, möglicher Weise beim Stadtbummel mit der Schwebebahn, die sich lang durchs Tal zieht und bis auf eine Ausnahme als sicheres Verkehrsmittel gilt.
Gunda Gottschalk (vln, vla) und Ute Völker (acc) stammen aus Wuppertal und machen zwei Drittel der Freejazz Kapelle mit dem witzigen Namen aus. Dritter im Bunde ist Peter Jacquemyn (b) aus Brakel in Belgien. Baggerboot ist die zweite Veröffentlichung des in San Diego ansässigen jungen Labels Henceforth Records. Bonnie Wright, Produzent des kleinen Labels, hörte das Trio auf dem Antwerpener WIM Festival 2004 und wollte mehr. So ist es zu der deutsch-amerikanischen Zusammenarbeit gekommen.
Gunda Gottschalk spielt improvisative und zeitgenössische Musik, war seit 1991 Mitglied des Partita Radicale Quintetts für improvisative Musik, trat mit dem Ort-Ensemble auf und hat mit einer Reihe bekannter und weniger bekannter Musiker zusammengearbeitet.
Ute Völker arbeitet als Akkordeon Lehrerin in der Musikschule von Bochum und hat sich auf freie Improvisationen spezialisiert. Sie hat Akkordeon und Musiktheorie studiert und war Mitbegründerin des Partita Radicale Ensembles.
Peter Jacquemyn ist Mitglied des WIM (Werkgroep improviserede musici) und aktiver Musiker seit 1984. Er spielte in diversen Ensembles, mit diversen Musikern zusammen.
Ob "Baggerboot" die erste Veröffentlichung des Trios ist, gibt das Booklet nicht her.
Die drei als "Cascade" bezeichneten Teile des Albums sind zusammen 58 Minuten lang. Die einzelnen Tracks, so lang sie sind, bergen eine Menge Spannung und Melodie. "Cascade I" als 25-minütiger Opener startet sehr bewegt. Das Trio schwelgt in vollem Klang und spült sich die Ohren für die kommenden Exkursionen frei.
Der warme Klang der Instrumente kommt schön zum Ausdruck. Wenn dem Bass auch schrill und kratzig Töne entlockt werden, ist die große Harmonie des Trios doch zu keiner Zeit anstrengend oder schmerzhaft, sondern birgt stets eine gewisse Zartheit und Lyrik. Als besonders ausdrucksstark empfinde ich den solistischen Ausflug der Viola, melodisch fabelhaft abstrakt und rhythmisch akzentuiert ist hier erstaunliche Virtuosität und Leidenschaft zu entdecken. Das Solo gipfelt in der emotionalen Überbetonung der Melodie und geleitet das Trio mit weiterem Vertiefen in das emotionale Spiel zu einem stilleren Punkt, von dem die lavaflüssige Bewegtheit des instrumentalen Klanges aller drei Musiker über lange Minuten einbricht. Ein kurioses Solo des Akkordeons führt das Stück weiter, ich hätte nie gedacht, dass dieses Instrument zu solchem Klang in der Lage ist. It's the singer, not the song heißt hier, es ist der Musiker, nicht das Instrument, von dem das harmonische Gefüge ausgeht.
"Cascade II" führt das improvisative Geschehen neu aus. An welchem Punkt setzt das Trio mit der Aufnahme an? Gibt es abgesprochene Harmonien oder Themen, von denen die Band ausgeht? Liegt die Energie eines solchen Stückes an der Tagesform, der Stimmung, dem Lesen der Nachrichten, dem Geschmack des Kaffees? Spricht die Band Ideen ab - oder stürzt sie sich einfach hinein, atmet einmal durch und beginnt zu spielen? Wie finden sich solche Musiker? Was ist ihr Plan? Das Erleben ganz neuer Strukturen? Was haben sie im Hinterkopf, was inspiriert sie? "Cascade II" scheint partiell das Einstimmen des Orchesters im Orchestergraben zu sein, bevor der Dirigent mit dem Taktstock Stille und Aufmerksamkeit einfordert und den Beginn des Stückes bemüht. Dort wird das Orchester still und beginnt mit dem Werk.
Hier findet die harsche Amelodik im Spielen zu Harmonie und Lyrik. Die drei Musiker begegnen sich im Spiel melodisch, springen wieder auseinander oder solieren, während die beiden anderen den Bogen weiter spannen, freitonal und ohne Grenzen.
Am eindrücklichsten sind Baggerboot (dieser Name ist einfach einzigartig schön) in "Cascade III", in dem sie einmal mehr verraten, dass sie klassisch ausgebildete Musiker sind, die ihre Instrumente (zur Not auch klassisch) spielen können.
Der Strich auf den Saiten, das Melodiespiel - wunderbar. Die kleinen Details machen "Baggerboot" wertvoll. Das inspirierte freie Spiel als künstlerisches Vermögen, nicht als Abwendung von Melodie und Struktur, sondern als Erschaffen eigener Struktur. Vielleicht ist Freejazz das falsche Wort für die Musik des Trios. Ist das Jazz? Kann man diese Musik nicht Neue Freie Musik nennen? Es klingt mehr nach Neuer Musik, improvisativ wie im Jazz, sicher. Aber strukturell doch kein Jazz.
gunda-gottschalk.de
peterjacquemyn.com
henceforthrecords.com
VM
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