Apokatastasia "shedding" (Eigenproduktion 2005)

Schon die ersten 1:02 Minuten verzaubern. Das Intro ist phänomenal; eine spannende, akustische Geschichte mit knallenden Türen und eilenden Schritten, so ganz abgesehen von aller Musik haben die Jungs ein Händchen für Hörspielgeräusche und klangliche Illustrationen. Doch längst nicht dafür allein, denn nach dem Intro folgen 7 in den Bann ziehende Songs und ein Bonustrack. "shedding" ist der Abschluss der ersten Apokatastasia-Ära, steht im Pressetext. Im Quartett eingespielt, bevor der neue Bassist Krusa zur Band stieß, stehen die Songs für melodisch ausgeklügelten, intelligenten und rhythmisch schön komplexen Progressive Rock, der sich, so klingt jede Sekunde, sehr zum Metal sehnt und schon kräftig darin aufgeht. Tatsächlich wollen sich Apokatastasia zukünftig verstärkt auf Metal orientieren, was Gitarrenriffs und die wenigen "Light"-Growls auf "shedding" schon ankündigen.
Apokatastasia haben bereits genug Material für ein neues Album, das nur eingespielt werden will. Doch die Band hat "shedding" deshalb nicht im Schnelldurchgang abgefertigt. Den vielen komplexen und überraschend aufwändigen Songs ist Spielfreude und Detailverliebtheit stets anzuhören, die Band hat die Tracks konzentriert intoniert und alle scharfen und harten Ecken und Kanten mit Verve und Dynamik belebt.
Das Booklet meint: "No fuck ups on this records, only human touch!" Das ist nicht nur schön gesagt, sondern bringt die Überzeugung der Band auch treffend rüber. Daver The Braver steht für Cello, Growls und Choir, Kürsty Saihttam für Bass und Growls (sowie demnächst für die zweite Gitarre), Dario Ronos übernahm Drums und die "Army of Snares", Milan Salridas die "Guitars of Doom & Glory". Hin und wieder meine ich Sounds wahrzunehmen, die nicht von genannten Instrumenten zu stammen scheinen, aber wer weiß, was die Jungs aus ihren Instrumenten zu kitzeln vermögen oder wie im Intro als selbst aufgenommenen Sample eingemixt haben.
Zunächst muss die Band für ihre ausdrucksstarken und eigenständigen Kompositionen gelobt werden. Zwar wirken alle Songs etwas unterkühlt und emotional verfinstert, was gewisse dynamische Entwicklungsmöglichkeiten (in Richtung Bombast) ausbremst, dafür aber Ausdruck in anderen, angestrebten, Sounds findet. Die extrem vielen ausgeklügelten Ideen und facettenreichen Extravaganzen sind hinreißend in die Songs eingebaut, brechen die metallene Härte auf, schieben sich in knüppelhartes Material. Doch Apokatastasia brettern nicht nur. Vielmehr klingt das Gros der Songs in seiner komplexen Musiksprache und sensiblen Melodik konzertant, was nicht am Cello allein, sondern vor allem den Arrangements und Melodielinien liegt. Die Band lässt klassische Einflüsse erkennen und spielt tatsächlich im 10-minütigen "Nothing" eine Passage aus einem Cellokonzert des klassischen Komponisten Antonin Dvorak. Ihre persönlichen Vorlieben sind gewiss nicht weniger anspruchsvoll als der eigene Ausdruckswille.
Die Stücke sind zu komplex und technisch, um stets fett rocken zu können, das bricht und spiegelt sich stetig in immer neuen Einschüben - diese Songs sind eine Entdeckung. Und dennoch wirkt nicht ein Song überladen oder nur ebenso gespielt, um technische Details vordergründig zum Ausdruck zu bringen; sondern leidenschaftlich entworfen und mit musikalischem Sinn geschaffen. Eine leichtere Passagen ist in "Nothing" zu hören, da spielt die Band zart und lieblich, der Part könnte fast aus einem Popsong stammen, bis das Quartett für ein neues Gewitter sorgt, das die liebliche Stimmung des Augenblicks nutzt, um finstere Geschichten daraus zu entwerfen.
Die "Kälte" des Klanges verhindert nicht, dass man sich in die Songs stürzen und darin begeistert aufgehen kann. Die eigenwilligen Stücke setzen sich mit jedem Hördurchgang tiefer im Bewusstsein fest, bis sie immer wieder gehört werden wollen. Ein Phänomen, wie tief diese Songs wirken. Das liegt sicher mit an den wieder kehrenden Geräuschen und der überraschungs- und spannungsreichen Intensität der Kompositionen.
Apokatastasia ist keine (typische) Progmetalband, und nicht wirklich mit anderen Bands zu vergleichen. Sicher sind etwas Cellomania, wenig Metallica, ein Hauch Univers Zero, zwei Dosen King Crimson und einige Prisen Gothic, Doom und Powermetal auszumachen, ohne dass sich der Vergleich zu den genannten Bands/Stilen wirklich aufdrängelt. Wenn die Band ihren qualitativen Level ausbaut, wird es weitere positive Überraschungen geben, soviel ist sicher. Bis es soweit ist, sei "shedding" nicht nur Progfreaks und Metaljüngern empfohlen. Die CD ist ein Meisterwerk!

apokatastasia.ch

VM




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