Antimatter

Frankfurt / Die Halle, 14.04.2009

Da war sie endlich einmal wieder, die Gelegenheit einen Auftritt von Antimatter zu sehen - und dann auch noch fast vor der Haustür! Die Halle im Frankfurter Stadtteil Riederwald ist ein für Auswärtige gar nicht so leicht zu findender kleiner Konzertclub in einem Hinterhof mitten im Gewerbegebiet. Eigentlich Stammlokal für lautstarke Rock- und Metal-Konzerte meist lokaler Bands, der an diesem Abend einmal Schauplatz für akustische Musik der Extraklasse wurde.
Wer sich nun in entsprechenden Kreisen der Frankfurter Kulturszene bewegt, weiß, dass eine Underground-Band an einem Dienstag hier noch weniger Leute als anderswo anzieht und daher war mit dem Kulisse von kaum 25 Gästen bereits zu rechnen. Wie auch immer, man hatte zu keinem Zeitpunkt des Abends den Eindruck, dass dies irgendjemand ernsthaft gestört hat.

Masi Kriegs

Zur allgemeinen Überraschung bestieg zunächst Masi Kriegs, eigentlich Sänger und Bassist der Kölner Rockformation The Dawning, mitsamt seiner Akustikgitarre die Bühne und verkündete, spontan den Abend zu eröffnen. Dafür hatte er drei eigene Stücke sowie ein Cover seiner erklärten Lieblingsband Queen mitgebracht, letzteres mit dem Hinweis darauf, dass man eigentlich wie Freddy Mercury singen und wie Brian May Gitarre spielen können muss, um diesen Versuch zu wagen - und deshalb habe er sich ein Stück ausgesucht, bei dem sich dies genau umgekehrt verhalte. Versuch geglückt, auch wenn ich mangels näherer Queen-Kenntnisse das Stück nicht benennen kann. Dagegen konnte Masi Kriegs sowohl an der Gitarre als auch stimmlich seine Talente unter Beweis stellen und sorgte so für einen angenehmen Auftakt, der von dem überschaubaren Zuhörerkreis mit wohlwollendem Applaus bedacht wurde.

Lisa Cuthbert

Nach der spontanen Ein-Mann-Show zum Auftakt, ging es dann mit einer geplanten Ein-Frau-Show weiter. Die Sängerin und Songwriterin Lisa Cuthbert aus Irland unterstützt nicht bloß als Gastmusikerin Antimatter bei einigen Konzerten ihrer kleinen Tour durch Mitteleuropa, sondern bietet auch im Vorprogramm einen mit Coverversionen gespickten Einblick in ihr eigenes Schaffen. Nach der charmant-holprigen Begrüßung des Publikums auf Deutsch konnte sie das Publikum gleich vom Start weg mit einer Mischung aus mädchenhafter Schüchternheit und enormer musikalischer Ausdruckskraft in den Bann ziehen. "Ready to unfold" war ein sehr schöner Auftakt, dem bald mit "Fragile Dreams" ein sehr eigentümliches und doch sehr interessantes Anathema-Cover folgte. Da Lisa Cuthbert sich alleine auf dem E-Piano begleitet gewann das Stück ganz neue Akzente, wenngleich die feingliedrige Dramatik des Originals nicht aufrecht erhalten werden konnte.
"My material girl" enthielt dagegen ironisch eingeflochten den Refrain von "Genie in a bottle" von Christina Aguilera und offenbarte nicht ganz überraschend, dass die Künstlerin mit Stargehabe und oberflächlichem Materialismus wenig zu schaffen hat. So programmatisch wie es mit "Ready to unfold" begonnen hatte, endete der Auftritt auch mit dem ebenfalls bemerkenswerten "Nothing left". Leider war ihre erste selbstveröffentlichte EP bereits vergriffen, doch auf der Myspace Seite von Lisa Cuthbert finden sich einige interessante Einblicke in ihr Schaffen.
Bei einer Zigarette nach dem Auftritt berichtete die sympathische Irin noch begeistert von einem zwei Tage zurückliegenden Auftritt im niederländischen Grenzort Venlo, bei dem Antimatter von der großen Anneke van Giersbergen als Gastsängerin unterstützt wurden und freute sich sichtlich über die Wertschätzung des Publikums, die ihr an diesem Abend in Frankfurt zuteil wurde.

Antimatter

Dass sich das Kommen an diesem Abend gelohnt hatte, war nun schon klar, zumal ein misslungener Antimatter-Auftritt nun eher schwerlich vorzustellen ist. Wenngleich Antimatter im Grunde mittlerweile das Soloprojekt des Iren Mick Moss ist, pflegt er doch nicht alleine auf die Bühne zu gehen und hat sich nach seinen Auftritten mit Danny Cavanagh für die laufende Tour die passendste aller Begleitungen gesichert. Bandmitgründer Duncan Patterson (Ex-Anathema, Deathcap, Ion) ist zumindest zeitweise wieder mit dabei und von ihm stammt nicht zuletzt auch ein guter Teil der Antimatter-Stücke.
Mick Moss selbst entschuldigte sich zunächst dafür, zwischenzeitlich immer mal einen Blick auf sein Handy werfen zu müssen, da zeitlich sein Favoriten-Team Liverpool gegen den englischen Rivalen Chelsea in der Fußball Champions League zu Gange war. Als das Spiel dann aber bald mit 4:4 endete, was das Aus für Liverpool bedeutete und leise Chelsea-Verfluchungen des Künstlers nach sich zog, war zumindest für die Zuschauer der Weg für einen Abend ohne weitere nach außen erkennbare Beeinträchtigungen frei.
Die ersten Stücke Antimatters waren in das Auftakt-Cover "Eleanor Rigby" (Beatles) und die eigene Interpretation des Frankie Goes To Hollywood Evergreens "Power of Love", die dem Stück eine so noch nicht gekannte Intensität verlieh, eingebettet. Micks unvergleichliche Stimme erfüllte von Beginn an den Raum und Duncan Patterson griff auf die interessante Variante zurück, bei vielen Stücken statt einer Akustikgitarre eine Mandoline einzusetzen. Die weitgehend chronologische Reise durch die eigenen Stücke begann mit "Over your Shoulder" von "Saviour", das ebenso wie einige anderen frühen Werke von Lisa Cuthbert mit Gesang und Keyboard unterstützt wurde. Weitere Stücke von "Saviour" und "Lights Out" folgten, duchzogen von wunderbar umgesetzten Anathema-Songs wie "Feel" und "Hope".
Beeindruckend genug, was bis hierhin geschehen war, doch die wahren Glanzlichter sollten erst noch folgen. Die traurige gesellschaftskritische Anklage "Working Class Hero" von John Lennon wurde von Mick Moss so leidenschaftlich intoniert, dass sie regelrecht für Ergriffenheit sorgte. "Leaving Eden" vom gleichnamigen letzten Album stand dem in nichts nach und "Lost Control" als weiterer Anathema-Song aus Duncan Pattersons Feder brachte den regulären Set so wundervoll wie nur möglich zu Ende. Seit über 10 Jahren gehört dieses Stück zu meinen absoluten Favoriten und wenn man bedenkt, wie sehr sich Anathema von solchen Glanzzeiten entfernt haben, dann ist man für die Existenz Antimatters gleich noch dankbarer.
So ging der Auftritt nach zwei Zugaben zu Ende und als besondere Form der Anerkennung darf notiert werden, dass fast keiner der Besucher ohne ein Exemplar der gerade erschienenen und zum Schluss zum Verkauf stehenden Live CD (erschienen auf Micks eigenem Label Music in Stone) Die Halle verliess. Ist ja schliesslich auch eine schöne Erinnerung an einen wunderbaren Konzertabend, der sicher nicht nur mir lange in Erinnerung bleiben wird.

Volker Schulz



Zurück