AMANDA PALMER, Live am 13.10.08 im Beatpol Dresden

Von Kurzweil zu Kurtweil

Es war ein Abend der Überraschungen. Die erste: Drei (!) Vor-Acts vor dem eigentlichen Star des Abends. Dabei wussten die Neuseeländer Battle Circus mit einem opulent-psychedelischen Rocksound zu überzeugen, der vom sanften Klavierakkord bis zum heftigen Metalriff extrem facettenreich daherkam. Besondere Markenzeichen: Die falsettartige Stimme des Sängers - und der Sticker "Kurzweil" auf dem E-Piano.

Jason Webley stand dann ganz allein auf der Bühne. Doch der mit Hut, Bart und langen Haaren ein wenig an einen Straßenmusiker erinnernde Alleinunterhalter (im besten Sinne) hatte das Publikum sofort im Griff. Höhepunkt: Ein gemeinsam mit den Anwesenden herausgeschrieenes Trinklied, wobei man sich dabei kollektiv in einen Zustand der Trunkenheit tanzte oder besser drehte.

Nach der Umbaupause war klar: Hier steht heute keine Rockband auf der Bühne. Vor dem Hintergrund einer riesigen Leinwand, die eine Theaterkulisse darstellte, stand nur das E-Piano von Frau Palmer mit dem Sticker "Kurtweil" (Verbeugung vor einem ihrer Inspirationsgeber) sowie ein Tisch und zwei Stühle. Als dann vier ungewöhnlich bekleidete Personen mit aufgespannten Schirmen durch das Publikum stolzierten, sah man einige Fragezeichen auf den Gesichtern der Anwesenden. Schließlich kam eine leicht bekleidete Dame durch den Saaleingang: Amanda Palmer. Sie lief allerdings nicht etwa selbst zur Bühne, sondern wurde getragen. Tolle Showidee, dachte man noch, bevor man wenig später den wahren Grund realisierte: ein gebrochener Fuß. Ungeachtet dieses Handicaps war die weibliche Hälfte der Dresden Dolls sofort mit vollem Einsatz bei ihren Songs und hämmerte in die Tasten. Diese Frau ist der Inbegriff von innigst gelebter Musik.

Das Programm bestand zuvorderst aus Stücken ihrer im September erschienen Soloscheibe "Who killed Amanda Palmer?". Daneben gab es aber auch formidabel performte Klassiker der Dresden Dolls, etwa "Mrs. O" und "Half Jack". Musikalische Unterstützung erhielt Frau Palmer von Cellistin Zoe Keating und Lyndon Chester an der Violine. Für echte Hingucker und damit mehrfache Überraschungen sorgte The Danger Ensemble, eine Performance-Truppe aus Australien, etwa als sie zum Stück über Schulmassaker in den USA einen Totentanz in angedeuteten Schuluniformen aufführten. Oder als sie sich mit dem auf Pappschildern geschriebenen Angebot "Will Kiss For Kash" bei "Coin-Operated Boy" ans Publikum ranmachten. Auf und vor der Bühne passierte so viel, dass an dieser Stelle nur noch von der Box berichtet werden soll, aus der ein Mitglied des australischen Ensembles Fragen zog, die von den Besuchern vorab eingeworfen wurden. Diese beantwortete die Deutschland-Liebhaberin spontan im Scheinwerferlicht, teils sogar in einem wunderbaren Deutsch (Amanda Palmer verbrachte hierzulande ein Jahr). Unser Land hat es ihr offenbar ein wenig angetan, fanden doch auch ein Brecht/Weill-Stück sowie eine Nummer ihrer deutschen Lieblingscombo Einstürzende Neubauten ins Programm.

Wer dachte, nach anderthalb Stunden gäbe es keine Steigerungsmöglichkeiten mehr, sah sich getäuscht. Erst wurde Rihanna's Hit "Umbrella" wunderbar durch den Kakao gezogen (Amanda an der Ukulele, das Danger Ensemble mit Schirmen inbrünstigst tanzend). Ganz zum Schluss dann Bon Jovis "Livin' On A Prayer", zu dem alle Support-Acts noch einmal auf die Bühne kamen. Die australischen Tänzer nutzten den finalen Song, um die Zuschauer um ein wenig Kleingeld zu bitten. Sind sie doch ganz ohne Gage mit Amanda Palmer auf Tour. Auch wenn man diese charismatische Frau auch gern mal ohne finanzielle Gegenleistung begleitet, für einen Drink und einen Happen zu essen sind ein paar Euro nicht schlecht.

whokilledamandapalmer.com

Text: Stefan
Text: Cordelia



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