Ein Glück, dass Jonas Reingold kein Deutscher ist, sonst würde man bei "Reingold Records" glatt zuerst auf eine rechtsradikale oder latent rechte Plattenfirma schließen, womit die Crew hier nix und wieder nix zu tun, wie alle guten Menschen auf dem Planeten, die überall Ausländer sind, manchmal sogar zu Hause, wenn sie auf der Straße leben und nirgends ein Bett und Kopfkissen haben.
3rd World Electric sagt alles, das Cover noch mehr: hier ist eine Band am Werk, die Weltmusik macht. Ausgesuchte Musik mit Marken aus der ganzen Welt, aber einem Zentrum: Jazz Fusion. Mit dabei sind genannter Jonas Reingold, der den zackigen Jaco Pastorius gibt und in allersüffigst vergnüglich und genießerisch anzuhörender Weise Bass wie ein Funk-Gott spielt, Roine Stolt, der am stillen Rande steht, hier und dort mal seine Gitarre zum Miniexzess verführt und auch mal ein exklusiv, leider kurzes Solo zum Besten gibt, ansonsten den Raum mit wundersam rasanter Klangtapete veredelt, dass nur Kopf zu wippen, Fuß zu stampfen und Sinne baumeln zu lassen gilt, Karl Martin Almqvist (ts, ss), Master of the Electric Universe, Chief of the Jazz Crew, Solist vor dem Jazzgott, Mittelpunkt der Kapelle und ihrer Songs, auch er ein Funk-Gott, Genial-Bläser mit Spiellust und Spielwut, sowie mal Dave Weckl, mal Zoltan Csörsz am Schlagzeug, und die beiden sind die Herren der Klangtorte, was sie machen, schlägt voll durch, macht die Basis zerhackstückgroovesattflott und ist zum Heulen schön, sodann Ayi Solomon, der den Groovefaktor zum Quadrat vervielfacht und den coolsten Bart der Truppe trägt, und die schönsten Fingerkuppen, das beste Rhythmusgefühl und die schnellste Fingerfertigkeit hat, nicht zuletzt Lalle Larsson, der den Fusion-Faktor zum Wahnsinn treibt und die Ecken und Kanten des Unternehmens mit Jazz-Disharmonien und Kanteneckigkeit auskleidet - kurz, hier ist eine Truppe am Werk, die gleich wieder ins Studio eingesperrt gehört, um da weiter zu machen, wo sie eben gerade aufgehört hat.
Acht Songs sind auf dem Silberling, zuerst wirkt der Sound bisschen was zu laid back, zu wenig kernig, zuviel Sax und Jazz, da schreit die hungrige Rockerseele: wo sind die Gitarrensoli? Doch dann, mit jedem weiteren Abspielen blubbern die Reizflächen auf und machen die süchtigste Entzündung, der man sich nicht entziehen will, never more.
Das Dingens von Platte hat Groove satt, ist 100% Funk-verseucht und kreischt in einem Ton: the 70s are back!
Fett, fetter am fettigsten sind die Tracks - und doch keine Parodie, kein Joke, kein blöder Witz, keine Schmalzstulle für Omafernsehsenderpausenhintergrundillumination, sondern Spielwitz, Musiksucht, Rasanz, verinnerlichte Klangverliebtheit, Jazzrock-Fusion-Sucht, Instrumentallust, Rock'n'Roll, Jazz, und alles in einem zusammen für immer und alle.
Weather Report und Joe Zawinul sind die dicken Lettern am Bandhimmel, und was sie vermutlich gar nicht wissen, ihre dickste und größte Parallele ist das zweite Album der Tschechoslowaken Energit aus dem Jahr 1978, das vor Funk-Jazzrock nur so trieft (und Gottlob zusammen mit dem Band-Erstling und etlichen Bonuszusätzen remastert auf 2CD verfügbar ist).
Unisonopartien satt, Sax und Keys, Bass und Gitarre, alle zusammen, darunter das Rhythmusgebrodel, das heiße Gebräu, das die Füße kaum auftreten lässt und den ganzen Körper zum saunaschwitzenden Zappelglühen bringt.
Zum Schluss, am Ende des letzten Songs, kommt Roine Stolt durch, winken die Flower Kings am Horizont, blubbern progressive Symphonic Komplexe, wohl nur um zu sagen, he, hallo, Leute, wir sind auch noch da und wir kündigen uns schon mal wieder an.
The 70s are back - mehr davon sofort bitte gleich noch einmal!
reingoldrecords.com
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